der erste monat mit dir ist vergangen. als ich mit dir und deiner mutter nach fünf gemeinsamen tagen das krankenhaus verließ war dies der größte sieg meines lebens. wir waren alle gesund und wohl auf, und das ist schlichtweg die hauptsache. ich hatte keine direkte angst vor deiner geburt, aber wenn jahrelang die schwierigsten sachen im leben dann doch irgendwie immer glatt laufen bekommt man auch immer öfter und vermehrt das gefühl, dass es doch irgendwann mal passieren muss. das ende dieser nicht enden wollenden glückssträhne. aber sie ist trotz einiger verunsichernder vorzeichen nach wie vor nicht beendet und ich bin sehr erleichtert und sehr glücklich darüber.
warum hat mir das eigentlich niemand vorher gesagt? ich hätte nie gedacht, dass das mit dir und mir so ein emotionales ereignis wird. seit deiner ankunft sind so ziemlich alle archaischen muster bei mir aktiviert, die man sich nur denken kann. schutz und liebe vor allem. unendliche liebe für deinen noch völlig freien umgang mit dieser welt. du kennst nur hunger, müdigkeit und etwa doppelt so viele quietsch-, grunz- und gurrlaute wie ich wörter in meinem wortschatz habe.
viele väter aus meinem freundeskreis haben mir gesagt, dass sie mit ihren neugeborenen am anfang nicht so viel anfangen konnten. leere festplatte, kein betriebssystem, von programmen ganz zu schweigen. mir ergeht es ganz anders. ich überlege seit wochen, wie ich meinem geschäftpartner beibringe, dass er den laden in den nächsten 10 jahren ohne mich schmeißen muß. und, dass ich mich dann
eventuell wenn es unbedingt sein muss mal wieder melde.
ich könnte dir stundenlang bei deinen kleinen unvorhersehbaren taten zusehen, egal was du machst, du herrlich hübsches kleines kerlchen. kaum zu glauben, dass ich mir immer eine tochter gewünscht habe und ich ein paar tage leicht geknickt war, als sich herausstellte, dass das mit dir nicht zu machen ist. heute kann ich es mir nicht mehr anders vorstellen. das hat die natur irgendwie gut eingrichtet...
da ich dich leider mangels entsprechender körperhardware nicht füttern kann mache ich wann immer es geht deine windeln. was du auch ohne heizstrahler im schnitt sehr folgsam über dich ergehen läßt. und wenn du dich bei deiner mutter mal wieder bis über beide augenbrauen zusäufst, habe ich am ende immer das löffelchen mit dem vitamindingens für dich bereit, was die winterkinder wohl alle bekommen, weil ihr zu wenig sonne ab bekommt. erstaunlich daran finde ich, dass du nach wenigen malen schon ganz sittsam von diesem löffel [weiches silikon] isst, den du inzwischen anscheinend auch erkennst, da du meistens von alleine den mund öffnest. ich nehme mal an, das zeug schmeckt lecker, sonst würdest du dabei auch nicht so unglaublich schmatzen.
überhaupt sehe ich an dir selbstverständlich schon dinge, die kein anderer in deinem alter kann, wie könnte es auch anders sein. du hältst inzwischen größtenteils deinen kopf aufrecht [was vermutlich damit zu tun hat, dass du dich im bauch deiner mutter nicht gedreht hattest und dein kopf deshalb bis zum ende ganz frei beweglich war] und hast innerhalb von einem monat etwa 500 gramm zugenommen. was dir anscheinend die kraft gibt, dich auf der suche nach essen allen ernstes von allein vorwärts zu bewegen, vorausgesetzt du hast etwas wo sich deine zarten händchen
brutal festkrallen festhalten können um den körper hinterher zu ziehen. das machst du auf meinem bauch etwa drei bis vier mal, bis du von unten nach oben gerobbt bist um dann entnervt festzustellen, dass es bei mir irgendwie keine verwertbaren brüste gibt. nichts desto trotz werde ich natürlich dennoch des öfteren gebissen, man kann ja nie wissen wofür es gut ist. wenn du dann irgendwann merkst, dass du auf dem falschen bauch liegst wird deine erstaunliche energie umgehend in dezibel umgewandelt. und umgehend heißt bei dir: sofort. deine sehr energische suche nach brüsten hat dir jedenfalls schon deinen neuen spitznamen beschert. "der weiße hai", da du a) meistens helle sachen an hast und b) mit deinem unbezahnten kiefer unnachahmlich nach den dingen deines begehren schnappst.
ich hätte das alles natürlich alles besser wissen müssen, denn mit deiner mutter ist das ja auch so ein vollemotionales ding, was sich von anfang an verselbstständigt hat. seit wir zusammen wohnen komme ich im schnitt eine stunde zu spät ins büro. seitdem du da bist sind daraus zwei stunden geworden. tendenz steigend. ich komme von euch herzensbrechern einfach nicht los. und so gibt es im moment nicht schöneres für mich, wenn ihr beide nach deinen mahlzeiten ermattet im sofa versinkt, ich euch beide bei mir habe und euch für stunden im schlaf beobachten kann.
du schläfst für dein alter wenig, aber fest. etwa die hälfte der zeit genieße ich das glück, dass du mich als matraze benutzt und du zusammengerollt auf meinem bauch schlummerst. wenn wir glück haben gibt es nachts auch mal fünf stunden am stück, aber so steuerbar ist das alles noch nicht mit dir. egal, ich bzw. wir haben vorher auch nicht wesentlich mehr geschlafen.
in den letzten tagen scheint es so, als würde dich der normale neugeborenen-alltag langweilen. du meckerst, sobald nichts passiert. und obwohl du eigentlich schlechte laune vermittelst hört das genörgel beim wickeln auf. das ist unlogisch. schlechte laune beim wickeln erzeugt normalerweise noch schlechtere laune. also müssen wir langsam überlegen, wie wir dich in deinen wachen phasen bespielen. das schwarz-weiß mobilè mit tieren und dein erstes lesebuch aus stoff [fünf schwarz-weiße muster], das du zum glück jeden tag neu durchliest scheint jedenfalls langsam nicht mehr zu reichen. und was die deutliche unterstreichung zur herbeiführung deines eigenen willen angeht liegst du in deiner altersklasse sehr weit vorne.
das mit dem eigenen willen hast du natürlich ausschließlich von deiner mutter. jedenfalls müssen wir uns unerwartet schnell nach einer beschäftigung für dich umsehen, man kann dich ja nicht den ganzen tag wickeln. ein hund wäre vielelicht nicht schlecht. ihr könntet euch bspw. den ganzen tag abwechselnd beissen. ich denke das reicht für einen monat beschäftigung. man ist bei neugeborenen ja für jede gewonnene zeit dankbar.
der alltag hat sich mit dir natürlich komplett geändert. neben dir beibt nicht viel platz aber das war ja irgendwie auch klar. wie ich die gefühlten 100 klein- und etwa 10 großbaustellen in den nächsten monaten in
deinem schloß manage ist mir momentan noch ein rätsel. aber das ist im moment auch nicht wirklich wichtig. das wasser wird beim duschen warm und die heizung läuft. ich bin einfach sehr sehr froh über alles. über das glück an sich. wenn ich in den letzten jahren etwas gelernt habe, dann ist es demut. demut vor dem leben und dem damit verbundenen schicksal. im guten wie im schlechten. demut vor den unwiederbringlichen und unendlich schönen kleinen momenten. ich brauche die big points nicht mehr, mein glück ist inzwischen das kleine. das gute brot vom becker, die katzen des hauses die mich an der haustüre empfangen, der nachbar der mich nett grüßt und mein kind, dass mich so gerne in die nase beißt.
deine mutter hat mich letztens gefragt ob ich stolz auf dich bin. nein, stolz bin ich wohl nicht. ich habe ja auch irgendwie nicht sonderlich viel geleistet um so einen hübschen troll hinzubekommen. aber ich bin dankbar. unendlich dankbar ...
p.s.: so viele gefühle, so viele neue eindrücke, so ein rausch. irgendwie will man alles behalten, festhalten, genießen - und irgendwie rauscht auch alles in unglaublicher geschwindigkeit an einem vorbei. was war noch mal vorgestern?
um dem ganzen etwas herr zu werden habe ich
die schöne idee von der frau kollegin ungefragt geklaut aufgegriffen und es ihr gleich getan. jeden monat eine kleine geschichte über das erlebte, über das erinnerte.
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