mein sohn

... auf dem gang der neugeborenenstation stehend betrachte ich die dankeskarten von glücklichen eltern, die sich hier in den letzten jahren angesammelt haben. die namenswahl für kinder ist ja mittlerweile zu einer wissenschaft aufgestiegen und so sehe ich zwischen den philipps und den kim-vanessas gleich auch den sozialen oder geistigen hintergund der eltern, der im zweiten vorurteilsschritt bei der optischen umsetzung des dankes den ersten meist bestätigt. aber irgendwie ist das auch alles völlig egal.
ich werde mit zustimmung der mutter meinen eigenen sohn nach einem guten freund von mir nennen. so habe ich es auch meiner eigenen mutter erzählt, der ich den namen bis zum tage der geburt nicht gesagt habe. was ich auch hinterher nicht gesagt habe ist, dass mein freund nikolai schon viel zu lange nicht mehr unter uns ist. im gegensatz zu meiner mutter glaube ich nicht an guten oder schlechten vorherbestimmenden hokuspokus und erspare mir daher lieber die eventuelle diskussion um selbigen.
ein ähnlich sonniger und schöner tag wie bei der geburt meines sohnes. kaiserwetter. ein umzug mit freunden, in einem alter, wo man sein hab und gut noch mit klapprigen alten bussen verräumte. ein geplatzter reifen seines busses der ihn nichtangeschnallt bei eigentlich geringer geschwindigkeit aus dem offenen fenster schleudert. der rettungshubschrauber auf der autobahn. der erschütternde schlußstrich unter das von allen beteiligten erhoffte wunder. schlechte nachrichten kommen oft mit erschreckend wenig inhalt aus ...
am tage seiner beerdigung habe ich mich das letzte mal derart besoffen, dass mir irgendwann der weitere hergang der ereignisse fehlt. nach einer mehr als ergreifenden trauerfeier mit mehr als 300 freunden und bekannten haben wir im haus seiner eltern auf ihn getrunken, als wenn es kein morgen gäbe. so, wie er es sich gewünscht hätte. unendlich viele chaosgeschichten nachpubertierender abiturienten, die nie erwachsen werden wollten. alte geschichten vom morgen des papstbesuches in essen und unter wc-türen durchgereichte wurstscheiben. erzählungen und erinnerungen bis in den frühen morgen, der dann irgendwann nebulös in einer döner bude in der stadtmitte endete. meine erste wieder einsetzende hirntätigkeit war eine verschwommene wahrnehmung des nächsten morgens die mir eröffnete, dass ich das wohnzimmer eines meiner ältesten freunde ziemlich bekotzt hatte. die 200m fussweg zu meiner wohnung hatte ich wohl nicht mehr geschafft und noch mal einen kleinen absacker genommen. alles in allem habe ich nie wieder eine so "passende" beerdigung erlebt. allerdings prügel ich mich auch nicht gerade um die wiederholung solcher ereignisse.
seit diesem tag vor nunmehr fast 10 jahren verging wohl kein woche, in der ich nicht an ihn gedacht habe. ich nahm seinen tod ohne anlass zum anlass mein leben zu überdenken. gerade mal anfang 30 war ich beruflich außergewöhnlich erfolgreich [und fing gerade an mir - geistig verirrt - darauf was einzubilden] und hatte in einer bilderbuch sandkastenliebe eine frau geheiratet bei der ebenfalls eigentlich alles stimmte. und dennoch fühlte ich mich unterbewußt in beiden bereichen wie in einer sackgasse ohne wendemöglichkeit. ich hatte mich in einem oberflächlichen idealbild völlig verfahren ohne auf mein eigentliches ich zu achten.
es dauerte ein wenig bis aus meinem diffusem unterbewußtsein rational nicht erklärbare taten folgten. ich machte den seltsamen schnitt, den ich mir eigentlich selber nicht zugetraut hätte, und für den mich wohl jeder der damals halbwegs im bilde war für verrückt erklärt hat. heute lebe ich ein leben mit beruflich deutlich kleineren brötchen und einem menschen, den mir der himmel geschickt hat. beziehungesweise das internet. aber das ist <a href="http://timanfaya.twoday.net/stories/6037834/ …
dieser mensch liegt jetzt gerade neben mir und schläft. auf ihr liegt mein ebenfalls schlafender, 36 stunden alter sohn, der für uns überraschend nun zwei wochen zu früh das licht der welt erblickt hat. das kind ist kerngesund, alle beteiligten wohlauf, ich bin unendlich glücklich. der kreis schließt sich. ohne den viel zu frühen tod meines freundes hätte es dieses wunderschöne kind wohl nie gegeben. und ich würde wahrscheinlich immer noch in meiner persönlichen sackgasse kreiseln.
so ist es nun die wohl letzte große geste an meinen geliebten freund sein andenken über seinen namen weiter zu führen. ich werde versuchen die freiheit, die ihn immer begleitet hat, meinem sohn mit auf den weg zu geben. er, der nicht in das abi-studier-schema unserer schule passen wollte und sollte. der irgendwann von der schule flog und eine kfz-lehre machte um später selbstständig in einer kleinen halle recht erfolgreich an alten englischen autos zu schrauben. als ich ihn auf irgendeiner fete nach längerer zeit des nichtsehens fragte wie es läuft erwiederte er: "gut. wenn ich mehr verdienen will arbeite ich länger. jetzt ist winter. da ich nicht gerne im dunkeln aufstehe oder von der arbeit komme arbeite ich jetzt weniger …"
genau das ist es, was ich gerne weitergeben möchte. auch wenn ich heute oft scherzhaft von meinem sohn als künftigen kommandanten der ersten marsmission und mitbegründer der föderation spreche, gibt es für mich doch nur ein gut was ich wirklich an ihn herantragen möchte. die persönliche freiheit. und nichts könnte dabei mehr als zeichen stehen als ein name, mit dem ich so viel gutes, soviel menschliches verbinde.
| rubrik: liebe |
timanfaya - Fr 2009-10-16 02:49





















































