1 gramm materie verändert die welt
"Du kannst die menschliche Natur nicht verändern ..."
es gibt viele tage, denen leichtfertig zugeschrieben wird, sie hätten die welt verändert. ein tag hat dies jedoch unzweifelhaft getan: der 16 juli 1945. der tag, an dem der mensch erstmals die urgewalt des atomaren feuers entfesselte.
ich gehe davon aus, daß dieses ereignis der menschheit von anfang an in ihre evolutionäre wiege gelegt war. der diesbezügliche konflikt der reziproken auswirkungen von großhirn und kleinhirn war unausweichlich. entsprechend unserer hohen geistigen und geringeren sozialen fähigkeiten war es nur eine frage des geschichtlichen zeitpunktes um die entdeckung der physikalischen zusammenhänge und deren zwangsläufig darauf folgenden nutzung. das verschwinden von nicht ganz einem gramm materie reichte aus um das gefüge unserer welt vollständig neu aufzustellen. seit diesem tag besitzt die menschheit die theoretische möglichkeit, sich in relativ kürzester zeit selbst auszulöschen. eine einzigartige, geradezu groteske situation des eigenen daseins.
ich glaube an keinen gott im eigentlichen sinne, aber wann immer ich aufnahmen dieses physikalischen schauspiels sehe, ist dieser vergleichsweise lächerliche lichtblitz für mich gleichzeitig auch sinnbild für die völlig unvorstellbare energie, die unser universum im innern zusammen hält. eine atomexplosion ist immer nahe an den christlichen vorstellungen zum jüngsten gericht. ähnliches sollen die beteiligten wissenschaftler damals auch gefühlt haben.
der spiegel holt diese woche die ereignisse rund um diesen denkwürdigen zeitpunkt der menschheitsgeschichte aufgrund des 60. jahrestages von hiroshima und nagasaki auf den titel. denn es kam, wie es kommen musste, die neue waffe wurde eingesetzt. ich benutze bewußt den begriff "mußte" da ich ebenso wie bzgl. der entdeckung um den physikalischen hintergrund fest davon ausgehe, dass der einsatz dieser waffe ebenfalls in der evolutionären entwicklung der menschheit auf der to-do liste festgeschrieben stand. evolutionstheoretsich gehe ich ebenso fest davon aus, dass jede intelligente population eines planeten [und davon dürfte es in diesem universum so einige geben] irgendwann während ihrer technischen evolution vor genau dieser gesellschaftlichen suizidhürde steht. und genau an dieser stelle muß jede population beweisen, wie intelligent sie wirklich ist.
um es kurz zu machen: "wir" waren nicht intelligent. "wir" hatten einfach nur unglaublichen dusel. denn der zeitpunkt der entdeckung, der realisierung und vor allem des einsatzes des wissenschaftlich herbei-geführten armageddon fand auf der erde – aus populationserhaltender sicht - so viele glückliche begleitumstände, dass es kaum zu glauben ist.
extrem wichtig zum überleben einer population ist der zeitpunkt des ersteinsatzes dieser waffe während eines krieges. ein kriegsanfang wäre an fatalität nicht zu übertreffen gewesen, dass ende ist aus dieser sicht klar der "ideale" zeitpunkt. auf die realität des 20. jahrhundert bezogen war ferner einer der glücklichsten umstände, dass hitler die möglichkeiten der neuen waffe nicht realisiert und umgesetzt hat. im besitzt der bombe hätte er diese mit sicherheit auch eingesetzt. und der dadurch unausweichliche sieg der nazis in europa wäre nur durch einen großflächigen einsatz dieses kampfmittels wieder rückgängig zu machen gewesen. nur ein gedankenspiel, aber der technische zeitpunkt der entdeckung war nun mal ab 1938 [erste kernfission] gegeben. hitler war daher zu diesem zeitpunkt seinem 1000jährigen reich zumindest theoretisch näher, als man das heute oberflächlich mal so annehmen mag. denn trotz der zahlreichen aus deutschland emigrierten wissenschaftler war der zirkel rund um den ausnahmephysiker heisenberg noch äußerst gut besetzt. allein, sie erhielten zuwenig mittel. wahrscheinlich hätte die wirtschaftliche potenz des deutschen reiches am ende ohnehin nicht gereicht, aber das ist spekulation. die usa waren jedenfalls schneller. aber nicht schnell genug. die waffe, eigentlich zur bekämpfung hitler-deutschlands entwickelt, hatte ihren ursprünglichen feind verloren.
und genau an dieser stelle der geschehnisse bewahrheitet sich der satz, dass die geschichte eine wundertüte voll hässlicher überraschungen ist. japan wurde das ausweichsziel. und, wie der spiegel richtig formuliert, die letzten toten hitlers wurden somit in hiroshima und nagasaki begraben. die diskussion um den "sinn" und "unsinn" des militärischen einsatzes der atombombe gegen japan ist exegetisch, und auch nicht intention dieser betrachtung. verständlich ist zumindest, dass die amerikaner nach einem sehr verlustreichen und extrem harten krieg im pazifik keinerlei lust verspürten, bei der einnahme japans noch mehr ihrer soldaten zu verlieren. in den mortalitätsstatistiken der bombardierungsstrategen war die neue waffe anhand ihrer hochgerechneten auswirkung "nur" eine fortsetzung des konventionellen bombenkrieges mit anderen mitteln. vergleichsweise viele tote gab es auch bei den flächenbombardierungen tokios und anderer japanischer großstädte. an dieser stelle greift der satz mcnamaras, der damals im strategischen stab der B29 bomberflotten arbeitete: "die frage ist, wie viel böses man zu tun bereit ist, um gutes zu erreichen ..."
retrospektiv betrachtet haben die ereignisse von hiroshima und nagasaki vor allem einen nachfolgenden, viel weiteren, geschichtlichen sinn*. die waffe war nun mal real, die normative kraft des faktischen existent. und es gab in der abfolge der weiteren weltgeschichte genug ansätze [koreakrieg, kubakrise, vietnamkrieg, usw.], die für einen ersteinsatz in frage gekommen wären, die genügend nährstoff für die militärischen falken auf beiden seiten besaßen. allein die uns allen bekannten bilder und geheimen auswertungen des grauens von hiroshima und nagasaki haben zu einer hemmschwelle der verantwortlichen geführt, die einen zweiten einsatz bisher verhindert haben.
was der einsatz dieser waffe zu einem späteren zeitpunkt bedeutet hätte, kann man war day entnehmen, einem leider vergriffenen buch über die reise zweier journalisten durch die usa, fünf jahre nach einem begrenzten atomaren schlagabtausch mit der damaligen udssr. anhand von sehr intelligent dargestellten zusammenhängen zeigen die beiden autoren die auswirkung des einsatzes verhältnismäßig weniger nuklearwaffen auf unsere letztendlich nur unter normbedigungen stabilen gesellschafts-strukturen. dieser fiktive bericht spielt anders als the day after nicht mit dem schrecken der absoluten vernichtung, sondern räumt mit der referenzdebilen vorstellung auf, dass ein begrenzter atomkrieg führbar sei, und danach alles normal seinen weg geht. wenn man heutzutage sieht, mit welch vergleichsweise geringen mitteln terroristen in der lage sind das sozialgefüge demokratischer staaten zu verändern bekommt ein gefühl dafür, was die auslöschung ganzer städte und landstriche für folgen hätte.
jede waffe wird irgendwann eingesetzt. es ist hypothetisch, wann und wo es passiert wäre. ob die menschheit nur einige jahrzehnte zurückgeworfen worden wäre, oder sich für alle zeiten von diesem planeten verabschiedet hätte. sicher ist jedoch, dass es passiert wäre**. und so habe ich bei dem morgigen jahrestag einen gedanken im kopf, den ich bisher noch nie erwähnt fand und der meiner ansicht nach belegt, dass ethik unter bestimmten voraussetzungen bzw. ausnahmezuständen nicht mehr diskutierbar ist.
aus heutiger sicht haben die toten von hiroshima und nagasaki uns allen das leben gerettet.
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* sofern man angesichts von toten von "sinn" sprechen kann. aber diese abstrakte konsequenz liegt nun mal im ereignishorizont der menschheitsgeschichte. ursache und wirkung ist zum zeitpunkt des stattfindens von geschehnissen nie vollständig abzusehen. nur ein beispiel: in letzter konsequenz ist der euro in meiner brieftasche mit all seinen positive aspekten [grenzenloses europa, etc.] ein ergebnis der machtergreifung hitlers.
** ich gehe bei einer verallgemeinernden betrachtung der menschheit grundsätzlich nicht von der souveränität unseres großhirns und dessen intelligente auswirkung auf die gesellschaft aus. gedanken a la "lasst uns doch alle nie wieder zu waffen greifen und die welt wird besser" finde ich zwar grundsätzlich sehr erstrebenswert, halte sie aber für realitätsferneren science fiction als bspw. per anhalter durch die galaxis.
timanfaya - Fr 2005-08-05 08:34






















































böses ermöglicht gutes.
wir hatten unlängst mit unserem 'diplompfarrer' (ein doppelter akademiker) im rahmen eines nachtreffens genau diese diskussion. ich vertrat als atheistin bzw. 'freie christin' den standpunkt, dass gott - wenn es ihn denn gäbe - nicht in 'gut' und 'böse' unterscheidet. das sind von menschen gemachte definitionen.
die allgemeine frage war, warum er solche dinge zulässt. meine meinung: wir lernen von diesen ereignissen, vermeiden noch schlimmeres zu einem anderen zeitpunkt, besinnen uns auf werte, die aus dem blickfeld geraten sind. aber am wahrscheinlichsten ist .. es interressiert ihn nicht .. er hat anderes mit uns vor. vermutlich, weil es ihn nicht gibt.
[ein weites thema]
wenn man heutzutage sieht, mit welch vergleichsweise geringen mitteln terroristen in der lage sind das sozialgefüge demokratischer staaten zu verändern bekommt ein gefühl dafür, was die auslöschung ganzer städte und landstriche für folgen hätte.
dieser satz macht mich gruseln, weil er eine bedrohung in worte fast, die zu abstrakt und doch so gegenwärtig ist ..
ähh ..
(vielleicht sollte man sich erst mal einloggen .. schöne neuerung ist das .. und ich wunder mich schon, was du da wieder für specials eingebaut hast in die comment-maske ..)
Buchtipp
Die Zeitreisengeschichte darin ist etwas hanebüchen, aber die ist auch nicht so wichtig.
Böses ermöglicht Gutes?
Zugleich ist nicht zu übersehen, dass die Aussage stimmt. Jedenfalls stimmt sie relativiert: Böses ermöglicht manchmal das Bessere.
So müssen wir diesen Spruch wohl als geschichtliche Tatsache akzeptieren - aber mich schaudert gleichwohl, wenn jemand diesen Satz für sich und seine Programme allzu direkt instrumentalisiert.
In unserer Ethik sollten wir uns dies sicher nicht zum Leitspruch erheben, auch wenn es als schiere, harte Lebenstatsache wahr ist, dass Gutes nicht nur aus Gutem entsteht, sondern auch aus dem Bösen.